So lief das Training – Welten prallen aufeinander

Nachdem unsere Trainer in Changzhou angekommen waren, hieß es: Anpacken! Das Training mit den verschiedenen Altersklassen begann – und Marco Almeida, Dennis Spiegel und Gazmend Xhepa trafen auf ihre chinesischen Kollegen. Gemeinsam wurden Trainingspläne ausgearbeitet, die dazu dienen sollten, neue Impulse in die Nachwuchsarbeit des chinesischen Fußballs einzubringen.

„Das Team bestand aus dem chinesischen Trainer, dem Dolmetscher und mir“, erzählt Dennis Spiegel. Eine ungewohnte Situation für den Coach, der die Profi-Bedingungen von Hannover 96 gewöhnt war: „Es ist nicht so wie in Deutschland, dass das Funktionsteam groß ist. Es gab keinen Torwarttrainer, Assistenztrainer oder Athletiktrainer. Das musste man dann selbst machen – aber das hat auch den Horizont erweitert“, freute sich der Trainer über die spannende Erfahrung. „Back to the Roots“ war gewissermaßen das Motto: „Für mich hieß es, komplett wieder bei der Basis anzufangen. Das war eine Umstellung, aber total super.“

Zwischen Disziplin und Feinarbeit

Auch für die chinesischen Trainer bedeutete die neue Zusammenarbeit eine Umstellung: Die unterschiedlichen Fußballphilosophien zusammenzubringen, war nämlich gar nicht so einfach: „Als wir hier ankamen, dachten sie, jeder könne alles auf die gleiche Weise üben – denn es ist ein Sport.“ Es wurde weniger Wert auf individuelle Umstände und Voraussetzungen gelegt, sondern auf das reine Mannschaftsgefüge: „Es war Teil unserer Arbeit, ihnen zu zeigen, dass es einen anderen Weg gibt.“

Der bestand zum Teil darin, sich vom reinen Leistungssport-Gedanken zu lösen und Fußball auch als das zu begreifen, was es in erster Linie ist: Ein Spiel. Denn gerade in der Nachwuchsarbeit ist es essentiell, dass nicht nur körperliche, sondern auch technische Fähigkeiten entwickelt werden – mit Spaß an der Sache: „Sie arbeiten hart, hart, hart, hart. Es ist wichtig, hart zu arbeiten, aber es ist nicht alles. In diesem Alter muss man lernen, zu spielen“, erklärt Gazmend Xhepa: „Wir wollen ihnen helfen, professionelle Spieler zu werden. Klar, dann ist es wichtig zu gewinnen – aber in diesem Alter ist es wichtig, gut zu spielen.“

Die schnelle Auffassungsgabe der Kinder erwies sich dabei allerdings als sehr guter Nährboden für neue Konzepte: „Die Chinesen sind sehr, sehr ehrgeizig, fleißig und diszipliniert“, zeigte sich Spiegel beeindruckt.  Auch im Mannschaftstaktischen Bereich seien die Kinder bereits sehr weit gewesen – es fehle lediglich an Details: „Das machen wir halt in Deutschland: Diese Feinarbeit in der Basis. Und das ist es, woran sie auch arbeiten müssen.“ Die Herausforderung bestand darin, gemeinsam mit den lokalen Trainern eine gemeinsame Basis zu finden: „Das ging auch sehr gut, weil wir da relativ offen waren. Und dann hat man probiert, das Training gemeinsam zu gestalten und zu besprechen, klar.“ 

Eine Frage der Mentalität

Frei von Diskussionen war die Zusammenarbeit natürlich nicht – kein Wunder, wenn zwei unterschiedliche Philosophien aufeinander prallen. Gerade die Debatte um Fehler beschäftigte die Trainer allesamt: „Die Kinder hatten eine große Disziplin, eine großartige Mentalität gegenüber dem Fußball“, lobte Xhepa, aber: „Der Fehler war, dass man zu sehr auf’s Gewinnen ausgerichtet war“. Dementsprechend wurden auch Fehler im Training eher bestraft als korrigiert – womit die Trainer überhaupt nicht einverstanden waren: „In meinem Team war das Wort Fehler vorher verboten“, berichtet Almeida: „Aber bei mir war es das nicht mehr.“ Dennis Spiegel machte ähnliche Erfahrungen: „Ich hab versucht schnell zu vermitteln, dass Fehler auch gut sein können. Ein Fehler ist ja nicht immer gleich etwas Schlechtes – daraus lernt man, es das nächste Mal besser zu machen. Und oft ist der Fehler ja schon Strafe genug, für’s Team und sich selber.“ Es sei wichtig, zwischen erwachsenen Leistungssportlern und der Nachwuchsarbeit zu unterscheiden: „Das sind Kinder. Die dürfen Fehler machen.“

Bei den Kindern stieß dieser neue Ansatz auf viel Gegenliebe. Und auch die Trainer begannen, ihre Arbeit umzustellen: „Es ging darum, das Wissen, das wir haben, zu teilen“, bilanziert Marco Almeida: „Wir wollten ihnen zeigen, warum wir so arbeiten.“ 

Und das mit Erfolg! Denn das Training kam bei den Kindern gut an. Wer mehr erfahren möchte: Die jungen Protagonisten des Nachwuchsprogramms stellen wir im nächsten Artikel vor!